Texte und Dichter

Gespräche bei Wein, Weib und Gesang
Wilhelm von Baumgarten
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Re: Texte und Dichter

Beitrag von Wilhelm von Baumgarten » Do Sep 01, 2016 1:15 pm

Es gibt schon auch Wörter- bzw. Grammatikbücher. Aber auch online sollte einiges zu finden sein. Ist aber nicht leicht auf alle alten Dichter umlegbar, da alle in ihrem lokalen Dialekt geschrieben haben und es da doch größere Abweichungen gibt. Daher stelle ich (wenn vorhanden) die Übersetzung gleich mit dem Text ein. Lautes Lesen (besonders im Dialekt) hilft auch.
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Re: Texte und Dichter

Beitrag von Sterntaler » Mi Sep 14, 2016 1:25 pm

Ah okay. Danke, dann werde ich in der Richtung mal recherchieren.

Wilhelm von Baumgarten
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Re: Texte und Dichter

Beitrag von Wilhelm von Baumgarten » Do Dez 22, 2016 2:45 pm

Hartmann von Starkenberg (um 1260 - 1276)


Man wird ihn nicht mit der österreichischen Familie in Zusammenhang bringen dürfen, aus der jener Gundaker von Starkenperc stammte, welcher 1224 zu Frisach mit Ulrich von Liechtenstein turnierte (Frauendienst Lachmann 67, 13): deren Name lautet meist Starhenberg und ein Hartmann läßt sich unter ihnen nicht nachweisen. Das ist der Fall bei der mächtigen tirolischen Ministerialenfamilie von Starkenberg, in der 1260 ein Hartmann urkundlich erscheint. Dies wird wol der Dichter sein. Seine drei von der großen Heidelberger Liederhandschrift bewahrten Gedichte zeigen in einfachen Formen rein höfischen Charakter, wie es seiner Heimat, wo sich am längsten ritterliches Leben und ritterliche Dichtung erhalten hat, gemäß ist. Das dritte ruft zu sommerlicher Freude und Frauendienst auf, feiert die Geliebte, in deren Dienst Schild und Speer erkrachen müsse. Das zweite ist in der Fremde verfaßt: Heide und Plan mischen sich mancherlei Farbe, sein Herz sehnt sich nach der fernen Liebsten; er sucht einen Boten an sie und wollte, wenn er einen Deutschen dazu fände, ihn auf Händen tragen. Offenbar befindet er sich in Italien. Und hier scheint auch das erste Gedicht entstanden zu sein, das originellste: im Jahr vorher hat er sein Land verlassen, aber das hat ihm nichts genützt; vergeblich hat er dort ein Heiligenbild, das sonst jedem einen Wunsch gewährt, gebeten, der Geliebten seinen Liebeskummer mitzutheilen. Sie weiß immer noch nicht, was ihn drückt. Nun schwankt er, wie er sie der Ehre gemäß aufklären soll, und da er keinen Boten hat, entschließt er sich, ihr dieses Lied selbst als Boten zu senden, aus dem sie selber alles merken werde.



Die grosse Heidelberger Liederhandschrift (C) enthält auf Blatt 256b und 257a Bild, Wappen und drei Lieder eines Minnesängers Hartman vö Starkenb'g; bereits v. d. Hagen hat darauf hingewiesen, dass im Jahre 1260 ein dem tirolischen Geschlechte der Starkenberger angehöriger Hartmann von Starkenberg genannt sei.
Und er hat diesen Hartmann trotz dem Umstände, daß sein Wappen von dem in der Liederhandschrift überlieferten völlig abweicht, für den Dichter der drei Lieder erklärt.
Die beigegebene Abbildung der Urkunde zeigt einerseits das Starkenberger Wappen, mit dem auch Hartmann siegelt
(2 mal rot und gelb geteilt) , andererseits das Wappen aus der Liederhandschrift (schwarzer Hundekopf auf goldenem Schild).

Der Tiroler Hartmann von Starkenberg ist durch drei urkundliche Zeugnisse sicher nachzuweisen. Im Jahre 1260
überweisen die Söhne Gebhards von Starkenberg, Gebhard, Konrad und Hartmann dem Kloster Wilten Gütereinkünfte im
Oberinntal; diese Urkunde ist im Original erhalten (Kloster Wilten C 60) und hat die Siegel Konrads und Hartmanns von Starkenberg.

Die zweite Urkunde, welche Hartmann als Zeugen anführt, stammt vom 5.April 1265. Sie ist uns wertvoll als die erste Urkunde in deutscher Sprache, die bisher aus Tirol bekannt ist. Die Urkunde ist im Original erhalten (k. k. Statthalterei-Schatzarchiv 3869): Konrad von Starkenberg tauscht mit Heinrich Hirschberg Güter im Pitzthal und zu Tarrenz; unter den Zeugen erscheint der Schreiber der Urkunde, Anselm von Imst und Konrads Bruder Hartmann von Starkenberg, das Siegel ist das Konrads und ebenfalls Original.

Text der Urkunde mit Auflösung der Kürzungen und Besserung der Schreibfehler:

Ich Cuonrat von Starchenberch tuon kunt allen die dissen
brief ane sehent, daz ich Hainrich Hirzsperch min höfh ze Scurffen
in Püzzental unt Rigeln unt den Stihtaccer unt dez Ponlant ze
Wens han geben für reht aigen umbe de Calcaire ee Tarrens diu
sin was unt umbe den pühel Rudegers Tachelins guot; unt v mark
solt ich im die lies er mir unt den hofh ze Rosselloch der im
stunt fon mir xvii mark den lies er mir ledich. unt daz in da-
ran iemen kunne in dar crenken, gib ich im min insigel mit dis-
me brieffe, daz min kint sin erben niht muge crencen an dem
dinge, unt sint geciuge: her Ansbalam fon Ümst der dis scraip,
her Cuonrat fon Swanegeu, Hartman min bruoder, her Hainricli
Paiger, Appelin fon Servous, Hainrich Praust, Egene fon Tormüns,
Wernher fon Ümst, Hartman der cimmerman in des hous es ge-
schach, in den do toussent unt ii hundert unt lxv jar warn fon
unsers herren geburte v tage abereilen warn ergangen

Das letzte bekannte Zeugnis bringt eine Urkunde des Klosters Stams vom Jahre 1276:

Hartmannus de Starkenperg et Elisabeth uxor ejns donarunt monasterio Stambs 20 marcas.
(Zybockh 866).

Von Hartmanns älterem Bruder Konrad erfahren wir aus genealogischen Notizen u.a. daß er 1282 erwachsene Söhne hat
(Henricus et Sivigerus) und daß er 1290 verstorben war; so können wir, da Konrads Sohn Heinrich noch 1337 lebte (Urkunde des k. k. Statthalterei-Schatzarchivs 3881 vom 11. November 1337), ansetzen, daß Konrad und auch Hartmann etwa um 1230 geboren wurden.
Der Zeit nach ist es somit durchaus möglich, daß dieser Tiroler Hartmann von Starkenberg die drei Lieder gedichtet hat; Sicherheit würde man erst erlangen, wenn die Herkunft des Wappens in der Heidelberger Handschrift bestimmt wäre.
Da sonst kein anderes Geschlecht von Starkenberg bekannt ist, wird man mit Wahrscheinlichkeit diesen Hartmann von Starkenberg für den Dichter annehmen können.

Die drei Lieder Hartmanns:

1.

In weiz niht, waz es mich hat vervangen,
daz ich fuor von dem lande vert.
zeinem heiigen dar kam ich gegangen,
seht, der ie den man gewert
5 einer bete sa zestunt.
den bat ich, daz er die mine swaere
taete miner frowen kunt.
Min frowe weiz niht leider miner swaere,
die si mir langer stunden tuot.
10 enbute ich irs, ez waere ir lihte unmaere;
hat so tugentrichen muot.
in wil ir ere anders gern,
wan daz si mir staeter fröude gunne;
des sol ir güete mich gewern.
15 Nu solt ich ir vil liebiu maere enbieten,
nu enweiz ich niht bi weme,
so das ir ere davon sich niht verschriete,
und mir ze boten zeme.
nu wil ich mich an nieman lan,
20 ich wil ir disiu liet ze boten senden,
si macr sich selber wol verstan.


2.

Mit maniger hande varwe mischet
sich diu heide und ouch d^r plan,
da bi min herze in leide erhischet,
ich bin aller fröuden an
5 alle die wiie unz an den tag,
daz ich der lieben sölhe maere
und mine swaere enbieten mag.
Owe sol ich unz an min ende
dienen, daz irs nieman seit?
10 wer ist der böte, den ich sende,
der mit triuwen miniu leit
miner frowen kunne gesagen ?
muoz der sin von tiutschen landen,
uf den handen wolt ich in tragen.

3.

Neina helfen!; fro belieben
gegen der wunneklichen zit!
dienent reinen guoten wiben!
ja vil fröuden an in lit.
5 ich wil hohes muotes sin
und wil singen uf gedingen
der vil lieben frowen min.
Wenne wil si mir truren swachen,
der ich han gedienet her?
10 es muoz in ir dienst erkrachen
beide schilt und ouch daz sper.
genade ein frowe minne, sprich,
daz diu guote, der ich muote,
iht langer laze in sorgen mich.
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Wilhelm von Baumgarten
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Re: Texte und Dichter

Beitrag von Wilhelm von Baumgarten » Mo Jan 23, 2017 12:04 pm

Der von Kürenberg

Die Überlieferung

Unter dem Namen Der von Kürenberg sind in der Großen Heidelberger Liederhandschrift (Sigle: C; entstanden knapp nach 1300) 15 Strophen überliefert; von der etwas älteren ‚Budapester Liederhandschrift‘ (Sigle: Bu; Vizkelety stellte Gemeinsamkeiten im Lautstand mit in den beiden letzten Jahrzehnten des 13. Jahrhunderts entstandenen Handschriften fest)‚ sind nur Fragmente, insgesamt drei Blätter, enthalten; darunter die Überschrift ‚Der Herr von Kürenberg‘ und die ersten 9 der ‚Kürenbergerstrophen‘. Dem sprachlichen Befund nach wurde Bu im bayrisch-österreichischen Dialekt im Donauraum zwischen Regensburg und Wien geschrieben.

Der Autor

Ob dem Sammler ein Autorname vorlag oder er den Namen nur aus den Worten „in Kürenberges wîse“ im so genannten ‚Zinnenlied‘ erschloss, ist unbekannt. Die Formel wird auch als Familienname gedeutet, wobei Worstbrock darauf hingewiesen hat, dass allein in der Überlieferung von Bu eine bereits für das 12. Jahrhundert gebräuchliche Bildung vorliegt. Er übersetzt entsprechend: „in der Melodie der Kürenberger“.Orte namens ‚Kürnberg‘ (bzw. ähnlich) gibt es mehrere: sie sind zu kvern; kürn ‚Mühle‘ gebildet. Unter diesen „Mühlenbergen“ wurde des Öfteren der Kürnberger Wald westlich von Linz an der Donau als mögliche Heimat des Dichters genannt. Als Argument dafür wurde angeführt, dass die stilistisch und thematisch nächstverwandten Dichtungen die Lieder Dietmars von Aist sind; die Aist mündet bei Linz in die Donau. Als Kürnberg wird neben mehreren Siedlungen in Bayern auch eine ebenfalls in der Nähe der Aistmündung liegende Siedlung im heutigen St. Peter in der Au bezeichnet.

Ob der Dichter dem Ministerialengeschlecht der Kürenberger angehörte, das im 12. Jh. an verschiedenen Orten in Bayern und im heutigen Ober- und Niederösterreich fassbar ist, ist den Strophen naturgemäß nicht zu entnehmen, doch ist diese Annahme plausibel. Eindeutig und unumstritten ist nur, dass er der Gruppe des donauländischen Minnesangs angehört. Da die Handschrift Bu der Heimat des Dichters entstammt und die gleiche Reihenfolge der Strophen in C und Bu zeigt, dass beide Handschriften auf eine ältere Sammlung zurückgehen, ist es wahrscheinlich, dass die Autornennung keine Fiktion der Zeit um 1300 ist, sondern dass tatsächlich ein ‚Herr von Kürenberg‘ der Autor war. Zur Identifikation mit einer bestimmten Person verhilft das jedoch nicht. Identifikationsversuche gab es mehrere; in jüngster Zeit von Peter Volk.

Volk will den Minnesänger Kürenberger als Sigihard, Bruder des Grafen Heinrich von Schala (beide gestorben um 1191/1192) aus dem Stamm der Tengelinger identifizieren und den mit ‚Kürenberg‘ gemeinten Ort als Kirnberg an der Mank (südlich von Melk, Niederösterreich). Diese Identifizierung von ‚Kürenberg‘ mit Kirnberg an der Mank nannte schon 1857 Moriz Haupt in den Anmerkungen zu ‚Minnesangs Frühling‘ eine mögliche Alternative zum Kürnberger Wald bei Linz; auch die Nennung von Urkunden, in denen Herren von Kürenberg von der Mitte des 12. Jahrhunderts bis 1217 erwähnt werden, findet sich schon bei Lachmann – Haupt 1857.Beweiskraft können solche Zuweisungsversuche allerdings nie erlangen.

Die Strophenform

Die überlieferten Strophen des Kürenbergers benutzen zwei verschiedene Strophenformen; die Mehrzahl die zweite, die im ‚Zinnenlied‘ mit „Kürenberges wîse“ angesprochen wird und daher als eigentliche ‚Kürenbergerstrophe‘ gilt. Sie wurde vom Nibelungenlied übernommen und ist daher die bekannteste mittelalterliche Strophenform. Sie besteht aus vier Langzeilen, die jede durch eine Zäsur in zwei Halbzeilen getrennt ist. Die Anverse (erste Halbzeilen) sind vierhebig (= haben vier betonte Silben); die Abverse der ersten drei Verse sind dreihebig, der vierte ist vierhebig. Durch die längere Schlusszeile wird die Abgeschlossenheit der Strophe betont. Eine Melodie, auf die diese Strophen gesungen werden könnten, ist nicht überliefert.

Datierung und Bezug zum Nibelungenlied

Die Datierung der Kürenberger-Strophen ist sehr unsicher; sie erwecken einen ziemlich altertümlichen Eindruck, Langzeilenstrophen sind in der Lyrik nach 1200 nicht mehr zu erwarten. Ausgenommen einige anonyme Strophen (oder in den Sammelhandschriften, offensichtlich falsch, unter den Namen von Vortragenden des späteren 13. Jahrhunderts überlieferte, tatsächlich aber anonyme Strophen), machen keine Lieder des deutschen Minnesangs einen altertümlicheren Eindruck als die des Kürenbergers. Er wird daher als ältester namentlich bekannter Dichter von Liebeslyrik in deutscher Sprache bezeichnet. Diese relative Datierung zu den anderen Minnesängern bietet aber wenig Hilfe zur absoluten Datierung in Jahreszahlen. Die absolute Datierung des Kürenbergers spielt auch eine Rolle in der Diskussion, wie eng die Verbindung der Kürenberger-Strophen zum ‚Nibelungenlied‘ zu sehen ist. Die sehr frühe Datierung (vor 1160), die meistens, auch im ‚Verfasserlexikon‘-Artikel von Günther Schweikle, angegeben wird, erfolgt auf Grund nur eines Argumentes: Ein Heinrich nennt in seiner Dichtung ‚Von des todes gehugede‘ seinen Abt Erkenfried. Erkenfried von Melk starb 1163; es gab nur wenige Orte, an denen es einen Abt mit diesem seltenen Namen gab; die Identifikation ist also sehr wahrscheinlich, und die Bezeichnung dieses Autors als Heinrich von Melk und die Datierung besteht zu Recht. In dieser, vom Rittertum Askese statt Lebensgenuss fordernden Dichtung erwähnt er das troutliet singen (‚Liebeslieder singen‘) des Ritters, das zur Hölle führe. Man meint, dass das schon die Existenz des höfischen Minnesangs bezeuge, als dessen frühester Vertreter der Kürenberger anzusehen ist. Der Kürenberger wäre demnach spätestens um 1160 anzusetzen. Dieses Argument ist nicht nur schwach, sondern sogar unglaubwürdig: Heinrich von Melk meint mit den troutliet wohl unproblematische Liebesliedchen nach Art der anonymen Liedchen, wie sie für die frühere Zeit anzusetzen sind. Der Kürenberger zeugt von einem reflektierten Umgang mit der Problematik, die den naiven Liedchen, wie sie Heinrich von Melk den Rittern vorwirft, noch fremd ist. Der Kürenberger reflektiert bereits die höfische Minnekultur. Auch die Beliebtheit der Beizjagd und ihre Verfügbarkeit als literarisches Symbol sollte man nicht zu früh ansetzen. Es wird daher auch eine spätere Datierung, etwa um 1180, erwogen.

Der literarische Umkreis

Das ‚Falkenlied‘ des Kürenbergers und ‚Kriemhilds Falkentraum‘

Außer der thematischen Verwandtschaft mit Liedern Dietmars von Aist ist der Bezug augenfällig, den das Nibelungenlied zum Kürenberger stiftet: es verwendet seine Strophenform, und es lässt den Handlungsfaden mit einem Traum Kriemhilds von einem Falken beginnen, was das ‚Falkenlied‘ des Kürenbergers herbeizitiert. Die Beziehung der Texte ist folgendermaßen: Das ‚Falkenlied‘ des Kürenbergers ('Minnesangs Frühling' 8,33; Wortlaut nach C) lautet:

‚Ich zôch mir einen valken mêre danne ein jâr.
Dô ich in gezamete, als ich in wolte hân,
und ich im sîn gevidere mit golde wol bewant,
er huop sich ûf vil hôhe und vlouc in anderiu lant.


Ich zog mir einen Falken, länger als ein Jahr lang.
Als ich ihn gezähmt hatte, wie ich ihn haben wollte,
und ich sein Gefieder mit Goldfäden schön umwunden hatte,
hob er sich in die Höhe und flog in fremde Reviere.

danne ‚als‘ beim Komparativ. – gezamen ‚zahm machen; zähmen‘. – bewinden ‚umwinden‘.

Sît sach ich den valken schône vliegen:
er vuorte an sînem vuoze sîdîne riemen,
und was im sîn gevidere alrôt guldîn.
Got sende si zesamene, die geliep wellen gerne sîn.‘


Seither sah ich den Falken schön dahinfliegen:
er führte an seinem Griff (‚Fuß‘) seidene Riemen,
und sein Gefieder war ganz rotgolden.
Gott sende sie zusammen, die einander gerne lieb sein wollen.

im ‚ihm‘. – al-rôt ‚ganz rot‘. – ge-liep einander lieb. – wellen Konjunktiv (Indikativ wäre wel-lent). Die letzte Zeile beweist, dass der Falke Symbol für einen Menschen ist, und nicht etwa ein entflogener Jagdfalke gemeint ist. Peter Wapnewski fand heraus, dass in der Falknersprache ‚anderiu lant‘ „fremde Reviere“ bedeutet. Das ‚Ich‘ des Liedes ist offensichtlich als eine Frau zu denken, die den Geliebten an sich zu fesseln versuchte; er riss sich los und ‚flog in fremde Reviere‘. Die Spuren der alten Bindung trägt er aber noch an sich – einen Falken, der den Schmuck eines fremden Besitzers trägt, könnte ein Falkner nicht wiedererkennen, auch wenn er hin und wieder über dem alten Revier kreist – und daraus schöpft das ‚Ich‘ die Hoffnung, er könne zurückkehren. Das Publikum wird diese Haltung als unrealistisch ansehen; kaum jemand wird ihr Erfolg zutrauen, und auch nicht die Einsicht, dass ihr Versuch, ihn an sich zu fesseln, seinem Freiheitsdrang entgegensteht. „Die einander gerne lieben wollen“ ist nicht die Realität, und wird nicht durch die Herrinnen der „anderen Länder“ (offensichtlich andere Frauen, für die er sich interessiert, aber ohne sich von ihnen gleicherweise binden zu lassen) verhindert, sondern es ist ein einseitiges Hoffen der Frau ohne Aussicht auf Erfüllung. Dieser Interpretation Wapnewskis wurde mehrfach widersprochen, doch übersehen alle Alternativversuche wichtige Details; entweder, dass die letzte Zeile den Symbolcharakter des Falken klarmacht, oder dass das Wiedererkennen nur des eigenen, nicht des fremden Schmuckes möglich ist, und dass die Problematik, die die Lieder des frühen Minnesangs gestalten, allgemein die männlichen Freiheitsdranges gegen Bindungssehnsucht der Frau ist. Das Originalpublikum konnte in dem ‚Ich‘ nichts anderes als eine Frau sehen, die den Verlust des Geliebten nicht wahrhaben will.

Die Strophenform „Kürenbergerstrophe“ wurde vom Nibelungenlied übernommen, das nicht nur formal in ihr gedichtet ist, sondern auch in Kriemhilds Falkentraum nach allgemeiner Meinung das ,Falkenlied‘ des Kürenbergers herbeizitiert; ältere Fassungen des Nibelungenlieds enthalten noch genauere Details als die Hauptfassung ‚B‘ des Nibelungenlieds, und zwar sowohl die Fassung ‚A‘ als auch der Reflex in altnordischer Sprache in der deutsche Nibelungen-Dichtungen ins Altnordische übertragende Völsunga saga (13. Jh.). Die Texte lauten: Nibelungenlied Fassung ‚B‘, Strophe 11:

In disen hôhen êren troumte Kriemhilde,
wie si zuge einen valken, starc, schœn und wilde,
den ir zwêne aren erkrummen, daz si daz muoste sehen,
ir enkunde in dirre werlde leider nimmêr geschehen.

Nibelungenlied Hs. A hat stattdessen in den beiden ersten Zeilen:

Es troumte Kriemhilde in tugenden, der si pflac,
wie si einen valken wilden zuge manigen tac.

Die Worte „manigen tac“ finden sich im ‚Falkenlied‘ des Kürenbergers, aber nicht im Nibelungenlied ‚B‘. Die Völsunga saga, Kap. 25, lässt Gudrun/Kriemhild vor der Ermordung Sigurd/Siegfrieds ihrer Vertrauten einen Angsttraum erzählen, der so beginnt:

Þat dreymdi mik, at ek sá einn fagran hauk mér á hendi. Fjaðrar hans váru með gulligum lit. Das träumte mir, dass ich einen schönen Falken mir auf der Hand sah. Sein Gefieder war mit Gold gefärbt.

Dieses Motiv des Kürenberger-Falkenliedes findet sich in keiner deutschen Fassung des Nibelungenlieds.Diese Beobachtungen rücken die Tradition, in der das Nibelungenlied lebte, noch näher an die des Kürenbergers heran. Spekulationen, ob der Autor beider dieselbe Person gewesen sein könnte, sind jedoch müßig. Das Nibelungenlied ist räumlich und zeitlich insofern fassbar, als es anonym überliefert ist, aber Hinweise auf seine Entstehung enthält: Während an den Hauptschauplätzen der Erzählung keine räumlichen Details erzählt werden (ein Großteil der Handlung spielt in Worms, aber wir erfahren keine Details über diese Stadt), wird sowohl der Zug Kriemhilds von Worms zu ihrer zweiten Heirat mit dem Hunnenkönig Etzel, dessen Reich in Ungarn gedacht wird, als auch der Zug ihrer Brüder, der Burgundenkönige, die ihrer verräterischen Einladung folgend in den Untergang ziehen, von Worms an den hunnisch-ungarischen Königshof, auf der Teilstrecke zwischen Passau und Hainburg (damals: Grenze zu Ungarn; heute: Grenze zwischen Österreich und der Slowakei) unter Nennung zahlreicher Ortsnamen genau beschrieben. Dabei kommen sowohl Kriemhild als auch dann ihre Brüder durch die Stadt Passau, wo sie vom Bischof beherbergt werden, der ihr Onkel ist. Zu Passau wird bei dieser Gelegenheit nicht nur der Name des Bischofs genannt (Pilgrim; ein historischer Bischof des späten 10. Jahrhunderts, der bei der Missionierung Ungarns aktiv war), sondern auch ein Kloster und die Kaufleute der Stadt, und es wird erwähnt, dass der Inn ‚mit fluzze‘ („mit starker Strömung“) in die Donau mündet (Nibelungenlied Fassung B Str. 1292). Die Hochzeit Kriemhilds mit dem Hunnenkönig Etzel findet dann in Wien statt. Aus diesen Stellen des Nibelungenliedes können wir nicht die Person des Autors erschließen, aber die Nennung von Orten, die für die Sage belanglos sind, und die Verlegung von Ereignissen der Sage an diese Orte, können nur die Funktion haben, die Heimat des Publikums bzw. die Herrschaftssitze der Mäzene in die Dichtung einzubeziehen. Man kommt damit auf die Diözese Passau, zu der Wien und Österreich bis an die ungarische Grenze gehörte, und in ihr insbesondere auf den Bischofshof in Passau und den Herzogshof in Wien; als literarischer Mäzen ist von den Passauer Bischöfen dieser Zeit nur Wolfger von Erla (Bischof von Passau 1191–1204) belegt. Interessensgemeinschaft Wolfgers mit dem österreichischen Herzog bestand vor allem unter der Regierung Leopolds VI. (ab 1198). Solche Indizien ermöglichen es, die Entstehungszeit des Nibelungenliedes zwar nicht zu beweisen, aber durch Vermutungen auf die Jahre knapp vor 1204 festzulegen. Durch die Nennung eines Klosters und der Kaufleute in Passau im Nibelungenlied kommt man auf weitere persönliche Bezüge des Autors zu zahlungskräftigem Publikum in Passau selbst. In diesem Raum, wenn auch nicht am Passauer Bischofshof, sondern auf einem der Adelssitze an einem ‚Mühlenberg‘ dieses Raumes oder am Sitz einer nach einem solchen benannten Familie, ist anscheinend die Dichtung des Kürenbergers entstanden.
Interpretation weiterer bekannter Strophen des Kürenbergers

Neben dem so genannten ‚Falkenlied‘, das sowohl um seiner selbst willen berühmt ist, als auch wegen der Frage der Beziehung zum Nibelungenlied in der Autorfrage zitiert wird, ist das so genannte ‚Zinnenlied‘ ebenfalls sowohl um seiner selbst willen interpretationswürdig und viel interpretiert, als auch wegen der Nennung von „Kürenberges wîse“ in Arbeiten über die Autorfrage. Hier soll eine alte Interpretation des „Zinnenliedes“ und neuere Versuche, alternative Deutungen zu finden, vorgestellt werden.
Das ‚Zinnenlied‘

In beiden Handschriften, C und Bu, finden sich die beiden folgenden Strophen hintereinander (Minnesangs Frühling 8,1):

‚Ich stuont mir nehtint spâte an einer zinne,
dô hôrte ich einen rîter vil wol singen
in Kürenberges wîse al ûz der menigîn.
Er muoz mir diu lant rûmen, alder ich geniete mich sîn.‘


Ich stand spät nachts an einer Zinne.
Da hörte ich einen Ritter aus der Menge heraus
in der Kürenberger-Melodie schön singen.
Er muss mir die Lande räumen, wenn ich mich nicht an ihm erfreuen kann.

stuont mir ‚stand mir‘ = ‚stand‘. – alder ‚oder‘. – genieten ‚sich erfreuen an‘. – sîn Genitiv.

(Minnesangs Frühling 8,9):

Jô stuont ich nehtint spâte vor dînem bette,
dô getorste ich dich, vrouwe, niwet wecken.
‚Des gehazze got den dînen lîp!
Jô enwas ich niht ein eber wilde!‘, sô sprach daz wîp.


Spät nachts stand ich vor deinem Bett,
da wagte ich nicht, dich, Herrin, zu wecken.
Dafür soll Gott dich hassen!
Ich war ja kein wilder Eber!‘, sprach die Frau.

turren ‚wagen‘. – dînen lîp ‚dich‘ (wörtlich: 'deinen Leib').

Einige Strophen später, erst nach dem Abbruch von Bu, daher nur in C überliefert, findet sich folgende Strophe (MF 9,29):

Nû brinc mir her vil balde mîn ros, mîn îsengewant,
wan ich muoz einer vrouwen rûmen diu lant,
diu wil mich des betwingen, daz ich ir holt sî.
Si muoz der mîner minne iemer darbende sîn.


Nun bring mir sofort mein Ross und meine Rüstung,
denn ich muss einer Dame die Lande räumen;
die will mich dazu zwingen, dass ich sie liebe.
Sie muss meine Liebe auf immer entbehren.

vil balde ‚sehr bald‘ = ‚sofort‘. – îsengewant ‚Rüstung‘ (‚Eisengewand‘). – wan ‚denn; weil‘. – holt sîn ‚hold sein‘ (jemandem) = ‚lieben‘ (jemanden). – der hier Genitiv fem. (Artikel zu minne). – darben (mit Genitiv der Sache) ‚entbehren‘.
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Re: Texte und Dichter

Beitrag von Wilhelm von Baumgarten » Mo Jan 23, 2017 12:41 pm

Alle Texte aus "Minnesangs Frühling"


Minnesangs Frühling II.I.1


«Vil lieben vriunt verkiesen, daz ist schedelîch;
swer sînen vriunt behaltet, daz ist lobelîch.
die site wil ich minnen.
bite in, daz er mir holt sî, als er hie bevor was,
und man in, waz wir redeten, dô ich in ze jungest sach.»



Minnesangs Frühling II.I.2

Wes manst dû mich leides, mîn vil liebe liep?
unser zweier scheiden müeze ich geleben niet.
verliuse ich dîne minne,
sô lâze ich diu liute harte wol entstân,
daz mîn vröide ist der minnist und alle ándèr verman.



Minnesangs Frühling II.II.1


«Léit máchet sorge, vil líebe wünne.
eines hübschen ritters gewan ich künde:
daz mir den benomen hânt die merker und ir nît,
des mohte mir mîn herze níe vrô werden sît.»



Minnesangs Frühling II.II.2

«Ich stuont mir nehtint spâte an einer zinne,
dô hôrt ich einen rîter vil wol singen
in Kürenberges wîse al ûz der menigîn.
er muoz mir diu lant rûmen, alder ich geniete mich sîn.»



Minnesangs Frühling II.II.3

Jô stuont ich nehtint spâte vor dînem bette,
dô getorste ich dich, vrouwe, niwet wecken.
«des gehazze got den dînen lîp!
jô enwas ich niht ein eber wilde », [. . .] sô sprach daz wîp.



Minnesangs Frühling II.II.4

«Swenne ich stân aleine in mînem hemede,
únde ích gedenke an dich, ritter edele,
sô erblüet sich mîn varwe, als der rôse an dem dórne tuot,
und gewinnet daz herze vil manigen trûrìgen muot».



Minnesangs Frühling II.II.5

«Ez hât mir an dem herzen vil dicke wê getân,
daz mich des geluste, des ich niht mohte hân
noch niemer mac gewinnen. daz ist schedelîch.
jône mein ich golt noch silber: ez ist den líutèn gelîch.»



Minnesangs Frühling II.II.6

«Ich zôch mir einen valken
mêre danne ein jâr.
dô ich in gezamete,
als ich in wolte hân,
und ich im sîn gevidere
mit golde wol bewant,
er huop sich ûf vil hôhe
und vlouc in ándèriu lant.



Minnesangs Frühling II.II.7


Sît sach ich den valken schône vliegen,
er vuorte an sînem vuoze sîdîne riemen,
und was im sîn gevidere alrôt guldîn.
got sende sî zesamene, die gelíeb wéllen gerne sîn!»



Minnesangs Frühling II.II.8

«Ez gât mir vonme herzen, daz ich geweine:
ich und mîn geselle müezen uns scheiden.
daz machent lügenaere. got der gebe in leit!
der uns zwei versuonde, vil wol des waere ich gemeit.»


Minnesangs Frühling II.II.9


Wîp víl schoene, nû var dû sam mir.
líeb únde leide daz teile ich sant dir.
die wîle unz ich daz leben hân, sô bist du mir vil liep.
wan minnestu einen boesen, des engán ích dir niet.


Minnesangs Frühling II.II.10


Nu brinc mir her vil balde mîn ros, mîn isengewant,
wan ich muoz einer vrouwen rûmen diu lant,
diu wil mich des betwingen, daz ich ir holt sî.
si muoz der mîner minne iemer dárbènde sîn.


Minnesangs Frühling II.II.11


«Der tunkel sterne der birget sich,
als tuo dû, vrouwe schoene, sô du sehest mich,
sô lâ du dîniu ougen gên an einen andern man,
sôn weiz doch lützel ieman, wiez under uns zwein ist getân.



Minnesangs Frühling II.II.12


Aller wîbe wunne diu gêt noch megetîn.
als ich an sî gesende den lieben boten mîn,
jô wurbe ichz gerne selbe, waer ez ir schade niet.
in weiz, wiez ir gevalle: mír wárt nie wîp als liep.



Minnesangs Frühling II.II.13


Wîp unde vederspil diu werdent lîhte zam.
swer sî ze rehte lucket, sô suochent sî den man.
als warb ein schoene ritter umbe eine vrouwen guot.
als ich dar an gedenke, sô stêt wol hôhè mîn muot.
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Neni
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Re: Texte und Dichter

Beitrag von Neni » Mi Mär 15, 2017 2:37 pm

Sterntaler hat geschrieben:
Do Sep 01, 2016 8:44 am
Hallo schöne Texte dabei. Hast du vielleicht einen Tipp, wo man ein wenig Mittelhochdeutsch lernen kann, damit man die Texte besser versteht?
Das würde mich auch mal interessieren. Habe Probleme die Texte richtig zu verstehen. :(

Wilhelm von Baumgarten
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Re: Texte und Dichter

Beitrag von Wilhelm von Baumgarten » Mo Mai 15, 2017 7:31 am

Ich versuche immer eine Übersetzung beizustellen - gibt's halt nicht für alle Texte.

Aber vllt. gibt's bald was Neues:

http://derstandard.at/2000057504008/Wom ... t-entdeckt
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